Lucio Fontana – Schnitte in der Leinwand

Lucio Fontana war zunächst Bildhauer – kein Wunder, wenn er die flache Leinwand in die Dimension des Raums öffnen wollte. 

Die bekanntesten Werke des argentinisch-italienischen Künstlers Fontana sind farbige Leinwände mit Schnitten oder anderen Perforationen. Er fasste sie als Werkgruppe unter dem Titel Tagli (Schnitte) als Teil seines Concetto spaziale . eines Raumkonzepts in der Kunst zusammen.

I Bucchi 1949-1968

Normalerweise würde man ja denken, ein Schnitt in der Leinwand ist ein Schaden an der Substanz. Nicht so hier. Mit etwas gedanklichem Überbau wird daraus ein Werk, das die Grenzen zwischen den Gattungen der Kunst überschreitet und zugleich den Blick auf die Kunst ändern kann. Die zerschnittene Leinwand bewegt sich zwischen Malerei und Bildhauerei. In gewisser Weise kann man das sogar wörtlich nehmen. Der Maler hat ja auf das Bild eingehauen. 

Concetto spaziale 1952

Heutzutage wirkt das auf uns wie ein etwas plumper Show-Effekt. Doch da muss man etwas genauer hinsehen. Lucio Fontana (1899-1968) war in einer Zeit zum Künstler herangereift, als der Futurismus behauptete, dynamische und laute Maschinen, Raketen und Rennwägen wären schöner als die Nike von Samothrake, als der Inbegriff klassischer griechischer Schönheit. Das war eine Revolution. Anfang des 20. Jahrhunderts war Kunst sehr politisch, die Künstler gaben Manifeste heraus. Fontana selbst lebte zwischen Argentinien und Italien. In der Nachkriegszeit formulierte er 1946 in Buenos Aires das Manifesto Bianco (weißes Manifest ) und ein Jahr später in Mailand das Manifesto Spaziale(Räumliches Manifest). 

Fontana wollte eine neue Haltung zur Kunst. Zunächst soll das Gemälde von darstellenden Formen befreit werden. Es geht nicht mehr darum, etwas nachzubilden oder im Bild entstehen zu lassen. Fontana wählt die einfarbige, monochrome Leinwand als Basis. Im ersten Schritt soll allein die Farbe, die Einfarbigkeit das Werk sein. 

I Metalli 1961-1968

Doch dabei blieb es nicht. Das klar umgrenzte Bild will er dann für Raum und Zeit öffnen. Das tut er brachial. Er sticht in die Leinwand. Er zerschneidet die bemalte Fläche. Auf diese Weise gelingt es ihm die Leinwand für die dritte Dimension des Raums zu öffnen. Die vierte Dimension der Zeit wird durch die Spur der kraftvollen Dynamik beim Durchbrechen der Fläche erreicht. Der sichtbare Beweis, welche Kraft, welche Bewegung in einem früheren Moment in der Zeit auf das Bild eingewirkt haben. Zu Fontanas Vorstellung die Aspekte der modernen Welt in die künstlerische Arbeit zu integrieren gehören auch Licht-Installationen und die ersten Environments.